Grußwort zum 30jährigen Jubiläum

Grußwort zum 30jährigen Jubiläum des Frauenzentrums Schokoladenfabrik von Almuth Hartwig-Tiedt,
Staatssekretärin in der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen


Sehr geehrte Vorstands- und Vereinsfrauen,
sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Nutzerinnen des Frauenzentrums,
ich grüße auch die Genossinnen ganz herzlich und natürlich Bezirksbürgermeister Dr. Schulz.

Ist es nicht ein schönes Gefühl, Herr Schulz, als Mann ganz allein unter heiteren und engagierten Frauen zu sein? Das Gefühl ist sicher ein ganz anderes als das, was ich als Wirtschaftsstaatssekretärin oft erlebe, wenn ich allein unter Männern bin.

Aus Ihrer Ankündigung könnte frau meinen, ich sei eine Fremde hier. Das ist nicht der Fall. Zum Glück gibt es noch Orte, an denen ich auch inkognito sein kann. Zum Beispiel hier, bei Ihnen im Hamam. Den Hamam lernte ich kennen, als mir meine Tochter einen gemeinsamen Besuch hier schenkte. Ist das nicht ein schönes Zeichen, wenn Mutter und Tochter gemeinsam in den Hamam gehen, um es sich wohlergehen zu lassen? Ich war aber auch schon in offizieller Mission bei Ihnen, wir haben Krisengespräche führen müssen.

Das Frauenzentrum Schokoladenfabrik ist 30 Jahre alt. Ich überbringe Ihnen die Glückwünsche des Senats zu diesem Jubiläum.
Das Frauenzentrum Schokoladenfabrik ist eine der bekanntesten sozial-kulturellen Frauen-Einrichtungen in Europa – und das sicher nicht in erster Linie wegen seiner Größe.  Vor allem ist es Ihnen gelungen – und mit Ihnen vielen weiteren an der Entwicklung dieses Projekts engagierten Frauen -  immer wieder gesellschaftliche Entwicklungen zu antizipieren und die richtigen Schlüsse zu ziehen, die dann in eine Weiterentwicklung des Konzepts Schokoladenfabrik mündeten. Und so feiern wir heute 30 Jahre Schokofabrik als lebendigen Ort von Frauen für Frauen.  

Die Schokofabrik steht damit auch symbolisch und exemplarisch für den Aufbruch von Frauen in der Bundesrepublik der 70er Jahre und die sich daran anschließenden Auseinandersetzungs- und Wandlungsprozesse, die die Neue Frauenbewegung durchlaufen hat.

Ich möchte diesen Gedanken vertiefen, indem ich mit Ihnen zunächst zurück schaue auf die Entwicklungen, die die Neue Frauenbewegung als unübersehbare gesellschaftliche Kraft etabliert haben.

In den 70er Jahren war es der organisierten Kraft der Frauen gelungen, der bundesdeutschen Gesellschaft grundlegende Rechte abzuringen, die Frauen in wichtigen Lebensfragen ein höheres Maß an Selbstbestimmung ermöglichten. Ich erinnere nur an die  Durchsetzung der Änderungen zum § 218, die Möglichkeit den Namen der Frau als Familiennamen anzunehmen (Als eine, die den Namen immer mal wieder gewechselt hat, weiß ich, wovon ich spreche.), die errungene Freiheit, als Ehefrau eigenständig entscheiden zu dürfen, berufstätig sein zu wollen oder das Recht, als Frau die Scheidung einzureichen. Für die Jüngeren unter Ihnen sind diese Rechte Selbstverständlichkeiten. Dazu haben die vergangenen 30 Jahre – eine Frauengeneration – ausgereicht.

Wie sahen die Möglichkeiten für Frauen in Berlin Anfang der 80er Jahre – also vor 30 Jahren - aus, die selbstbestimmt ihr Leben gestalten wollten?  

Die Kämpferinnen von damals haben viel Kraft investiert, das in den 70erJahren Erkämpfte zu sichern, auszubauen, mit ihren Projektideen zu füllen. Die Anstrengungen haben sich gelohnt: Mit der Besetzung und schrittweisen Nutzbarmachung der leerstehenden ehemaligen Schokoladenfabrik war 1981 ein geeigneter Ort gefunden. Die Umsetzung der vielfältigen Ideen und Konzepte für ein von Frauen für Frauen gestaltetes phantasievolles und lebendiges Miteinander konnte beginnen. Das Objekt war begehrt. Und so war es ein großer Erfolg für die Frauen und Frauengruppen, sich gegen viele Mitinteressenten durchzusetzen. Ob Architektinnen oder Künstlerinnen, Frauen, die sich für die Verbesserung der Lebenssituation von Migrantinnen einsetzten, Frauengesundheitsexpertinnen, ökologisch orientierte Frauen bis hin zu Frauenbildungsexpertinnen – sie alle konnten mit ihren Konzepten überzeugen. Sie bekamen den Zuschlag und ab 1984 auch die Mittel von Bund und Land, von IKEA-Stiftung und IBA in die Hand, um den Komplex zu sanieren.

Parallel nahmen die Projekte Gestalt an, die hier bis heute Bestand haben:
•    der Bereich Bildung und Beratung für Frauen und Mädchen aus der Türkei, der schon bald zu einem festen Ort für in Kreuzberg lebende Migrantinnen wurde;
•    die Holzwerkstatt "Schokospäne", deren Beitrag zum Einzug von Frauen in eine berufliche und freizeitliche Männerdomäne bis heute wichtig ist;
•    der Bereich Bildung für Frauen, der sich immer wieder neu aktuellen Herausforderungen feministischer Bildungsarbeit nähert – hier in Kreuzberg aktuell auch mit so schwierigen Themen wie der Gleichberechtigung von Mädchen und Frauen aus stark patriarchalisch geprägten Kulturkreisen;
•    der Sport- und Tanzbereich als Raum für die Wahrnehmung eigener Fähigkeiten und Grenzen, für Selbstbehauptung und Selbstachtung;
•    das Hamam als ein Ort, an dem Frauen Entspannung und Genuss für Körper und Seele erfahren
•    und – seit 1986 - die KITA Schokoschnute, heute Schokokids.

In einem an Auseinandersetzungen reichen Prozess bildete sich mit dieser Grundstruktur auch ein gemeinsames Grundverständnis heraus. Wir würden heute Leitbild sagen. „Das Zentrum entstand … als ein Projekt der feministischen Frauenbewegung mit dem Ziel der Förderung und Stärkung von Frauen, Lesben und Mädchen. Die Schoko ist immer noch ein Ort für Kontakte und Kommunikation unter Frauen und für Frauen. Frauen jeden Alters, unterschiedlicher Befähigungen, jeglicher Herkunft oder sexuellen Orientierung sind in der Schoko willkommen.“ So lässt es sich bei Ihnen nachlesen.

Diesen Anspruch im bunten Sozial-, Nationalitäten- und Interessengemisch von Kreuzberg zu leben, ist bis heute eine große Herausforderung. Einsetzend in den  späten 80er Jahren prägte eine intensive gesellschaftliche Debatte innerhalb der Frauenbewegung über das Verhältnis von gewollter Eigenständigkeit und Unabhängigkeit, notwendiger Kompromissbereitschaft und potenzieller Abhängigkeit von Geldgebern auch die Auseinandersetzungen in der Schokofabrik. Weder die Professionalisierung der Projektarbeit noch die Ausweitung von Angeboten für Frauen war möglich ohne einen stabilen Zugang zu staatlichen Fördertöpfen. Vor diesem Hintergrund galt und gilt es bis heute, die Ansprüche an frauenpolitische und feministische Arbeit immer wieder neu zu justieren.

Beispielhaft sei hier erwähnt: Der Anspruch, alle Mitarbeiterinnen gleich zu bezahlen, kollidierte mit den Anforderungen des BAT. Für die Verwendung der staatlichen Mittel gab und gibt es strenge Vorgaben und Nachweispflichten und die Senatsverwaltung als Geldgeberin redete bei Inhalten, Zielen und Qualitätsansprüchen mit.

So manche Entscheidung der Betreiberinnen der Schokofabrik ist geprägt von diesem Spannungsverhältnis. Aber es  führte auch zu einem produktiven Streben nach weitgehender Eigenständigkeit – wie es für die Bereiche Sport- und Tanzetage, die Möbelselbstbau-Werkstatt „Schokospäne“ und – inzwischen sogar vollständig – für das Hamam gelungen ist.

Grundsätzliches Umdenken wurde erforderlich, als klar war, dass 2003 das Sanierungsgebiet aufgehoben werden würde. Damit bestand die Gefahr, dass die erwarteten gravierenden Mietsteigerungen für die Schokofabrik nicht mehr finanzierbar sein würden. Vor diesem Hintergrund bekam die Suche nach Wegen zu einer weitgehenden finanziellen Loslösung von Fördermitteln einen neuen kräftigen Impuls. Die Idee, durch Erwerb der Schokofabrik als genossenschaftliches Eigentum von Hausbesetzerinnen zu Hausbesitzerinnen zu werden, setzte Energien frei, die an das Potenzial der Anfangszeit erinnerten. Dass einige Bereiche bereits einnahmeorientiert arbeiteten, war ein guter Ausgangspunkt. Betrachtet man die Entwicklung der vergangenen acht Jahre, ist es ein rasanter Prozess, der von ersten Kaufüberlegungen über die Entwicklung eines Eigentumskonzepts, die Werbung für den Kauf von Genossinnenschaftsanteilen an der Schoko bis hin zur teilweisen Sicherung der Betriebskosten für das Frauenzentrum über eine finanziell überschaubare Patinnenschaft geführt hat.

Vielleicht ist dieser Weg ja auch beispielhaft für andere Frauenprojekte in Berlin und anderenorts angesichts der immer knapper werdenden Haushaltskassen.

All die Jahre war es eine harte Arbeit, die Schokofabrik so zu entwickeln, wie wir sie heute kennen. Manchmal hat man ja den Reflex, sich zurück lehnen zu wollen und zu denken, jetzt ist es geschafft. Aber, das wissen Sie auch, das ist eine Illusion. Immer wieder kommen neue Aufgaben auf einen zu und wenn es Bescheide vom Finanzamt sind… Die Zeit entwickelt sich weiter, die Besucherinnen der Schokofabrik kommen mit veränderten Ansprüchen. Es gilt also weiter zu machen. Ich wünsche Ihnen dabei viel Erfolg und alles alles Gute. Die Schokofabrik bleibt eine dauernde Herausforderung.

Heute und morgen feiern Sie, auch das muss man können. Ich wünsche Ihnen viel Spaß dabei.

Ich bin davon überzeugt: Die Schokofabrik ist Berlin. So soll es bleiben, so muss es bleiben, so wird es bleiben.


Berlin, den 21. Oktober 2011

© mosaic cms - artx